Greencone Open Baffle2022 - das Jahr der Schallw(a)ende?

Im Jahr 2020 haben wir uns intensiv mit Mitteltonhörnern beschäftigt - dieses Jahr scheinen es uns die Schallwände (engl. Open Baffle) angetan zu haben. Nach der Entwicklung der Oxana haben wir uns mit einem "alten Schätzchen" beschäftigt, das wir vor vielen Jahren mal von einem Abonnenten gekauft haben.

Es handelt sich um eine große (max. 120 cm breit, 120 cm hoch), 3-teilige, klappbare Schallwand mit "Greencones" - so werden die Chassis der Firma SABA mit den charakteristischen, grünen Papiermembranen unter Kennern genannt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im "Tief- und Mitteltonbereich" wird der SABA Permadyn 19-200 (5298U8, 5 Ohm) eingesetzt, ein 20 cm durchmessender Breitbändern mit lediglich 19 mm durchmessender Schwingspule. Im "Hochtonbereich" wird der SABA 1670 (DU15, 5 Ohm) eingesetzt, als "Gehäuse" dient eine undichte Kunststoffbox (die ich erst mal entfernt habe), als Weiche kommt ein Kondensator von 2.2 uF vor dem Hochtöner zum Einsatz.

Subjektiver Eindruck:

Nachdem vorsorglich noch einmal alle Schrauben festgezogen wurden habe ich erst mal Musik gehört. Die Schallwände kamen im "Entwicklungshörraum" HS1 auf unsere Standardpositionen, die "Flügel" waren 45° nach hinten geklappt (Öffnungswinkel jeweils 135°).

Als allererstes fiel auf, dass die Dinger einen sehr hohen Wirkungsgrad haben, denn ich musste den Lautstärkeregler fast 10 dB leiser einstellen als sonst. Danach fiel auf, dass erst mal nichts unangenehm auffiel:

  • Bass war da (und dröhnte nicht)
  • Höhen waren da (und zischten nicht)
  • generell klangen die Schallwände eher hell timbriert, wobei die (unteren) Mitten mitunter etwas vorlaut waren (z.B. bei Streichern)

Das System füllte den Raum angenehm mit Musik, die Musik löste sich von den Lautsprechern, es gab eine stabile Mittenortung - das war schon mal gut. Bei Stücken mit wenigen Instrumenten gab es sehr viel "Luft" um die Instrumente herum - das war schon schön.

Tiefbass war natürlich eher Fehlanzeige, und auch höhere Pegel im Bassbereich mögen die SABAs überhaupt nicht, was sie mit "gequält klingendem" Klirrfaktor quittieren.

Auch komplexe, großorchestrale Klassik war (mit moderater Lautstärke) gut anhörbar - eine Disziplin, wo es "normale" Breitbänder mit der Durchhörbarkeit oft nicht mehr so genau nehmen. Das ist wohl darauf zurückzuführen, dass das System generell eher hell timbriert ist (das erhöht die Durchhörbarkeit), der "größere" SABA nur den Bereich bis ca. 6 kHz wiedergibt und der "kleinere" SABA den Höchsttonbereich übernimmt. Was uns direkt zu den Messungen führt . . .

Die Messungen:

Frequenzgang am Hörplatz (gewedelt):


-> weitgehend linearer Verlauf von 55 Hz bis 13 kHz mit Überhöhung zwischen 300 und 800 Hz
-> beide Schallwände verhalten sich > 1 kHz deutlich unterschiedlich (kein Raumeinfluss mehr)

Hinweis: wir streben üblicherweise einen kontinuierlich mit 3 dB/Dekade abfallenden Frequenzgang in unserem Hörraum an!

Impedanzverlauf:


-> Resonanzfrequenz im Bassbereich um 80 Hz; gutmütiger 4 Ohm-Verlauf
-> linke Schallwand "hochohmiger"

Einfluss des Öffnungswinkels auf den Frequenzgang:


-> bei 50 bis 100 Hz und 200 bis 350 Hz deutlicher Einfluss
-> 90°, 120° und 150° sehr ähnlich unter 200 Hz, Dreieck und 90° ähnlich um 250 Hz

TSPs aus Impedanzverlauf:


-> die rechte Schallwand hat Fs=85.75Hz, Qts=1.779

Damit sind Pegelüberhöhungen um 4.6 dB bei 86.4 Hz (links) bzw. 5.4 dB bei 93.5 Hz (rechts) zu erwarten - das zum Thema Tiefbass . . .

Vergleich Schallwand links/rechts (Tieftöner):


-> die rechte Schallwand verhält sich zwischen 80 und 900 Hz deutlich anders
-> oberhalb von 1 kHz ist die rechte Schallwand im Schnitt 1.5 dB lauter

Vergleich Schallwand links/rechts (Hochtöner direkt):


-> die Hochtöner strahlen um 800 Hz und von 7 bis 12 kHz am lautesten ab
-> oberhalb von 7 kHz ist die rechte Schallwand im Schnitt 1.5 dB leiser

Und so sieht die Überlagerung von Tief- und Hochtöner z.B. bei der linken Box aus:


-> mit vorgeschalteten 2.2 uF tragen die Hochtöner nur von 7 bis 12 kHz zum Geschehen bei

Erstes Fazit:

Für den Anfang ganz nett, aber da geht noch mehr . . . Wir werden jetzt erst mal Datenblätter von den Chassis machen um zu sehen, wo die Ursache für das unterschiedliche Verhalten von linker und rechter Schallwand liegt:

  • an den Chassis?
  • an der Schallwand bzw. der Befestigung?
  • an der anderen Position im Raum?

Und es juckt uns natürlich in den Fingern die Überhöhung zwischen 300 und 800 Hz in den Griff zu kriegen und der Schallwand einen "wärmeren" Gesamtcharakter und eine bessere Paargleichheit zu verpassen . . .

Und vielleicht passt ja auch ein anderer 20er Breitbänder ganz zufällig in die Schallwand, z.B. der MONACOR SPX-200WP?

Und wie wirkt sich eigentlich Dirac bei Schallwänden aus? Stay tuned . . .